Petite histoire de Rouen

Seit heute sind Nicole und Pierre wieder zurück aus dem Süden. Wie bereits erwähnt haben sich Françoise und ihr Mann Jacques in der Zwischenzeit um uns gekümmert. Die beiden sind ebenso sympathisch und gastfreundlich wie Nicole und Pierre. Zudem ist Jacques so eine Art Lokalpromi: er ist einer der bekanntesten und wohl fleissigsten Historiker der Stadt. Leicht problematisch kann es werden, wenn man ihm ein Stichwort aus der Geschichte gibt; dann gibt es für ihn kein Halten mehr! Dennoch hat er uns natürlich allabendlich mit kleineren oder grösseren Exkursionen in die Geschichte von Rouen und der Normandie entführt. Manchmal wurde auch gerade über ganz Frankreich oder die ganze Welt diskutiert... Besonders interessant fand ich die Geschichte der Aitre Saint-Maclou. Dies ist ein ehemaliger Friedhof mit Gebeinshaus mitten in der Stadt. Die Geschichte beginnt im Jahr 1348, dem Jahr der ersten grossen Pestepidemie in Europa. Da alles innerhalb der Stadtmauern geschah (ausserhalb war man nicht sicher und das wollte man auch seinen Toten nicht antun), gab es bald nicht mehr genügend Platz auf den bestehenden Friedhöfen. Die Kirche Saint-Maclou hatte dasselbe Problem und kaufte ein kleines Areal in der Nähe um die vielen Toten bestatten zu können. Nach Jacques' Beschreibung ging man dabei nicht besonders zimperlich vor: die meisten Menschen waren arm un konnten sich kein grosses Begräbnis leisten. Zu jener Zeit begrub man die Menschen nicht besonders tief. Wenn also ein Grab ausgehoben wurde, in dem sich bereits Knochen befanden, so wurden diese einfach beiseite geräumt und somit Platz geschafft. Die Aitre Saint-Maclou wurde ständig vergrössert. Bald baute man ein u-förmiges Gebäude um den Friedhof. Darin wurden die reicheren Bürger von Rouen bestattet. Später baute man einen zweiten Stock, um die riesigen Mengen an Knochen verstauen zu können, welche bei neuen Begräbnissen zum Vorschein kamen. Wiederum ein paar Jahre später wurde aus der U-Form ein geschlossenes Rechteck. Im neusten Teil wurde eine katholische Schule für Mädchen aus ärmeren Familien untergebracht, was für jene Zeit absolut revolutionär war. Schliesslich kam man auf die Idee, dass die vielen Krankheiten und grossen Epidemien einen Zusammenhang mit den Toten haben könnten. Die Stadt beschloss, alle Friedhöfe aufzuheben und ausserhalb der Stadt einen neuen, grossen Friedhof zu gründen. Nun hatten die Leute der Aitre Saint-Maclou jedoch eine Sorge mehr: sie waren der Auffassung, dass ihre Vorfahren so gute Menschen gewesen waren, dass sie sicherlich direkt in den Himmel gekommen sind. Dort oben - wie es sich für eine Familie gehört - haben sie dann ordentlich Werbung für Ihre Nachfahren gemacht, damit diese nach Ihrem Ableben ebenfalls direkt in den Himmel und nicht in die Hölle kommen würden. Die Angst bestand nun darin dass - wenn man den Friedhof verlegen würde und die Nachkommen nicht mehr in der Nähe ihrer Eltern und Grosseltern beerdigt würden - sie nicht mehr den gleichen Weg in den Himmel hätten, welcher dann wiederum nicht mehr für sie offen wäre, weil sie zu Lebzeiten zuviele Dummheiten gemacht hatten... Nach etwa zwei diskussionsreichen Jahren griff die Stadt jedoch durch und der Friedhof in der Aitre Saint-Maclou wurde definitiv geräumt. Die katholische Mädchenschule wurde etwas später durch eine Privatschule ersetzt und schlussendlich ganz geschlossen. Danach wollte man eine Garage aus dem Gebäude machen, es später an einen reichen Amerikaner verkaufen (dieser wollte es teilweise abbauen und in Texas wieder aufbauen) und wurde schliesslich gezwungen, es an die Stadt zu verkaufen, welche seither dafür sorgt, dass es in seinem ursprünglichen Zustand bleibt. Seit den 1940er Jahren befindet sich in den alten Gebäuden die École des Beaux-Arts, es gibt eine kleine öffentliche Ausstellung und einen kleinen Park im Innenhof. Der Ort wurde zu einem meiner bisherigen Lieblingsplätze in der Stadt, sicherlich auch wegen seiner bewegten und etwas makaberen Geschichte, aber auch einfach, weil es dort herrlich ruhig ist und der Park zum Verweilen einlädt (wenn es denn nicht gerade regnet).

1.9.14 22:31

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